S/4HANA

S/4HANA Migration: Greenfield, Brownfield oder Carve-out?

Taras Lisnevskij15. März 20268 Min. Lesezeit
S/4HANA Migration Strategien

Die Migration auf SAP S/4HANA ist für viele Unternehmen nicht mehr die Frage des „Ob“, sondern des „Wie“. SAP hat das Wartungsende für ECC klar kommuniziert, und spätestens jetzt müssen sich Entscheider mit der Frage auseinandersetzen: Welcher Migrationsweg ist der richtige für unser Unternehmen?

Die Antwort ist selten einfach. Drei etablierte Ansätze stehen zur Verfügung — Greenfield, Brownfield und Carve-out — und jeder bringt eigene Stärken, Risiken und Voraussetzungen mit. In diesem Artikel beleuchten wir alle drei Strategien auf Basis unserer Erfahrungen aus realen Migrationsprojekten.

Greenfield: Die Neuimplementierung

Beim Greenfield-Ansatz wird ein komplett neues S/4HANA-System aufgesetzt. Alle Geschäftsprozesse werden von Grund auf neu designed, konfiguriert und implementiert. Historische Daten werden selektiv migriert — nur das, was tatsächlich benötigt wird.

Dieser Ansatz bietet die größte Gestaltungsfreiheit. Unternehmen können Prozesse radikal vereinfachen, SAP Best Practices übernehmen und jahrelang gewachsene Komplexität hinter sich lassen. Besonders für Organisationen mit stark fragmentierten Systemlandschaften, vielen Eigenentwicklungen oder veralteten Prozessen ist Greenfield oft der sinnvollere Weg.

Greenfield auf einen Blick

Ideal bei

Veralteter Systemlandschaft, vielen Altlasten und technischen Schulden, Wunsch nach radikaler Prozessoptimierung, Harmonisierung über mehrere Gesellschaften

Vorteile

Saubere Architektur, keine technischen Altlasten, Chance für Prozess-Standardisierung, volle Nutzung neuer S/4HANA-Funktionen wie Fiori UX und Embedded Analytics

Risiken

Hoher Aufwand und lange Projektlaufzeit (12–24 Monate), erfordert starkes Change Management, Gefahr von Scope Creep, umfangreiche Datenmigration

Brownfield: Die System Conversion

Der Brownfield-Ansatz — auch als System Conversion bekannt — wandelt das bestehende ECC-System in-place in ein S/4HANA-System um. Alle vorhandenen Daten, Customizing-Einstellungen, Eigenentwicklungen und Berechtigungskonzepte bleiben grundsätzlich erhalten.

SAP stellt hierfür den Software Update Manager (SUM) mit dem Database Migration Option (DMO) Tool bereit. Der technische Prozess umfasst die Unicode-Konvertierung, die Datenbankmigration auf SAP HANA und die eigentliche S/4HANA-Konvertierung.

Dieser Weg eignet sich besonders für Unternehmen, deren bestehende Prozesse weitgehend funktionieren und die keine grundlegende Neugestaltung anstreben. Die Investitionen in vorhandenes Customizing werden geschützt, und die Anwender können in vertrauten Strukturen weiterarbeiten.

Brownfield auf einen Blick

Ideal bei

Gut funktionierende Prozesse, geringer Änderungsbedarf, erfahrene Key User, enge Timelines und begrenztes Budget

Vorteile

Kürzere Projektlaufzeit (6–12 Monate), geringerer Schulungsaufwand, Investitionsschutz für bestehendes Customizing, vollständige Datenübernahme ohne separate Migrationsprojekte

Risiken

Technische Schulden werden mitgenommen, Eigenentwicklungen müssen auf S/4HANA-Kompatibilität geprüft werden (Custom Code Adaptation), verpasste Chance zur Prozessoptimierung

Carve-out: Die Selective Data Transition

Der Carve-out-Ansatz — auch Selective Data Transition (SDT) genannt — kombiniert Elemente beider vorheriger Strategien. Dabei werden gezielt bestimmte Teile eines bestehenden Systems herausgelöst und in ein neues S/4HANA-System überführt. Prozesse können dabei selektiv übernommen, angepasst oder neu gestaltet werden.

Dieser Ansatz ist besonders relevant bei Unternehmensabspaltungen, Fusionen, Portfolio-Bereinigungen oder Konzern-Umstrukturierungen. Ein typisches Szenario: Ein Konzern verkauft eine Sparte und muss deren SAP-Daten und -Prozesse sauber aus dem Konzernsystem herauslösen.

Tools wie SAP Landscape Transformation (SLT) und SNP CrystalBridge unterstützen die selektive Datenmigration. Die Herausforderung liegt in der korrekten Abgrenzung der zu migrierenden Daten — insbesondere bei stark vernetzten Organisationsstrukturen mit mandantenübergreifenden Prozessen.

Carve-out auf einen Blick

Ideal bei

Konzern-Umstrukturierungen, Unternehmensabspaltungen (Carve-out / Spin-off), Merger & Acquisitions, Portfolio-Bereinigung

Vorteile

Maximale Flexibilität bei der Datenauswahl, Kombination von Bestandsprozessen und Neugestaltung möglich, gezielte Datenbereinigung während der Migration

Risiken

Höchste Komplexität aller drei Ansätze, erfordert tiefes Verständnis der Datenabhängigkeiten, spezialisierte Tools und Expertise notwendig, aufwendige Validierung der migrierten Daten

Unsere Empfehlung

Es gibt keinen pauschal besseren Migrationsansatz. Die Entscheidung hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab: dem aktuellen Systemzustand, dem verfügbaren Budget, der gewünschten Timeline, der Komplexität der Eigenentwicklungen und den strategischen Unternehmenszielen.

In der Praxis sehen wir häufig auch hybride Ansätze: Eine Brownfield-Conversion als technische Basis, kombiniert mit gezieltem Prozess-Redesign in ausgewählten Bereichen. Oder ein Greenfield-Projekt, bei dem historische Daten selektiv aus dem Altsystem übernommen werden.

Gineex Projekterfahrung

Unser Team hat alle drei Migrationswege in verschiedenen Branchen erfolgreich umgesetzt — von der Greenfield-Implementierung für einen Automobilzulieferer über die Brownfield-Conversion eines Handelsunternehmens bis zum Carve-out im Rahmen einer Konzernabspaltung. Diese Erfahrung ermöglicht es uns, für jede Ausgangssituation eine fundierte Empfehlung auszusprechen.

Entscheidend ist eine sorgfältige Analysephase vor Projektbeginn. In einem strukturierten Assessment bewerten wir gemeinsam mit dem Kunden den Systemzustand, identifizieren kritische Eigenentwicklungen und definieren die Zielarchitektur. Erst auf dieser Basis sprechen wir eine Empfehlung für den Migrationsweg aus.

Unabhängig vom gewählten Ansatz gilt: Eine S/4HANA-Migration ist kein reines IT-Projekt. Sie ist eine strategische Transformation, die Geschäftsführung, Fachbereiche und IT gleichermaßen einbeziehen muss. Nur so entsteht ein System, das nicht nur technisch modern ist, sondern auch die Geschäftsprozesse optimal unterstützt.

Nächster Schritt

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